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  • Johanna Moertl

Leseprobe Jeder Winter fragt nach deiner Wärme

Prolog


»Ich warte draußen auf ihn!«, schreie ich voller Vor­freude und schlüpfe in Stiefel und Anorak. »Ist gut, mein Junge, aber zieh Mütze und Fäustlinge an.« Seufzend tue ich, was Mama angeordnet hat, und lege den gepackten Rucksack neben der Eingangstür ab, um ihn nachher schnell bei der Hand zu haben. Im Radio haben sie durchgesagt, dass dies das kälteste Wochenende seit Jahren wird, doch wie kalt kann es im Süden Spaniens schon werden? Wenn ich eines an der Schule mag, außer Sport natür­lich, dann ist es Geografie, genau wie mein bester Freund Raúl. Und die Geografie unseres Landes ist die Beste, die es gibt. Wir haben alles! Das Land ist fast vollständig von Meeren umgeben. Es hat üppige Wälder, karge Wüsten, sonnige Inseln und eine große zentrale Hochebene. Und hier an der südlichsten Spitze des Festlandes wird es auch im Januar selten kälter als elf Grad Celsius. Übermütig schlage ich die Wohnungstür zu und hüpfe die drei Stockwerke nach unten. Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Es müssen sechs Wochen sein. Weil du arbeiten musstest. Du musst ja immer arbeiten. Oder es kommt was dazwischen. Letzte Woche hast du abgesagt, ein Notfall in der Firma. Die Woche davor warst du erkältet. Doch diese Woche kommst du, du hast es mir am Telefon versprochen. In meinem Bauch kribbelt die Auf­regung. Denn diese besonderen Freitage sind immer die schönsten für mich. Wenn ich von der Schule komme, packe ich als Allererstes meine Tasche für das Wochen­ ende und stelle mir dabei vor, was wir gemeinsam er­leben werden. Vielleicht gehen wir wieder ins Kino oder in den Kletterpark. Vielleicht kaufst du mir eine Zeitschrift über das Windsurfen. Womöglich treffen wir auch deine Freunde in einer Taberna oder besuchen Oma, was nicht besonders lustig ist, aber Hauptsache du und ich sind zusammen. Nun bin ich doch froh, dass ich Mütze und Hand­schuhe mitgenommen habe, denn der Wind pfeift unan­genehm vor dem Haus und diese Seite der Straße liegt im Schatten. Da kommt dein silbernes Auto angefahren und ich hüpfe winkend auf und nieder. Nein, das bist gar nicht du. Mein Hüpfen erstirbt. Egal, es ist ja noch früh. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite geht mein bester Freund mit seiner älteren Schwester in Richtung Supermarkt, wie üblich kickt er einen Fußball vor sich her. »Hola, Raúl!« Ich winke wild zu ihm rüber. Breit grinsend hebt er den Ball auf und läuft über die Straße. »Hallo! Was machst du?«

»Ich warte auf meinen Papa.« Der Stolz lässt meine Brust anschwellen. Mein Papa ist viel cooler als seiner. »Bin dieses Wochenende bei ihm.« Er deutet auf den Ball in seiner Hand. »Willst du spielen, bis er kommt?« »Ja, cool.« »Sara, kannst du alleine einkaufen? Ich trage dafür dann nachher alles nach Hause«, ruft er ihr zu. Sie nickt gutmütig und ich sehe ihr verstohlen hinterher, wie sie die Straße hochläuft. Raúl hat echt die liebste Schwester, die es gibt. Auch die hübscheste, wie ich finde. Obwohl sie ein paar Jahre älter ist als ich, bin ich ein kleines biss­chen in sie verliebt. Nur Raúl darf davon niemals was erfahren. Eine ganze Weile schießen wir den Ball hin und her, dann erscheint Sara schnaufend mit zwei großen Ein­kaufstaschen und stellt sie ächzend ab. Augenblicklich hebt Raúl den Ball auf. »Also, dann bis Montag in der Schule. Viel Spaß in Málaga!« Dann läuft er über die Straße, drückt Sara den Ball in die Hände und trägt mit seinen elf Jahren beide Tüten ganz allein nach Hause. Raúl ist auch ein richtig toller Bruder, finde ich. Schade, dass ich ein Einzelkind bin. Manchmal versetzt mir das einen Stich. So wie jetzt gerade. Seufzend sehe ich ihnen nach, die ohnehin tief ste­hende Sonne ist nun schon so weit gewandert, dass auch die gegenüberliegende Straßenseite im Schatten liegt, aber du bist ja immer etwas zu spät.

»Kein Grund zur Beunruhigung«, flüstere ich, wie Mama es immer tut, wenn ich vor etwas Bammel habe. Mein Herz klopft nur müde zurück, als wüsste es nicht, was es darauf sagen soll. Beklommen starre ich die Straße hinauf. Ohne die Bewegung mit dem Fußball wird mir doch etwas kalt, also klettere ich auf den kleinen Mauervor­sprung, hinter dem die Mülltonnen abgestellt sind, und springe wieder hinunter. Hoch, runter – eins. Hoch, run­ter – zwei. Hoch, runter – drei ... Fünfundsiebzig Mal. Mitten im sechsundsiebzigsten Durchgang breche ich ab und setze mich keuchend oben auf die Mauer. Meine Oberschenkel zittern. Und du bist immer noch nicht da. Langsam kriecht die Dunkelheit in die Straße und bis in mich hinein.

Oben im dritten Stock geht hinter unserem Küchenfenster das Licht an, dann wird es ge­öffnet. »Adrian, es ist so kalt. Komm wieder rauf«, bittet Mama behutsam, doch beim Anblick ihres mitleidigen Gesichtsausdrucks erwacht ein Monster in mir. Ein Wut­monster. Es rollt sich in mir aus, wird größer und größer, steigt einfach über die Enttäuschung hinweg. »Nein! Lass mich! Er ist bestimmt gleich da!«, brülle ich zurück. Aufgebracht hebt und senkt sich meine Brust, weil ich so laut geschrien habe. Oder weil ich mit ganzer Kraft die Tränen zurückhalte. Ich weiß, dass du kommst, du hast es mir versprochen. Du hättest doch angerufen, wenn dir was dazwischengekommen wäre. Ich bleibe. Alle paar Minuten erleuchten gelbe Scheinwerfer mein Herz, doch alle gleiten sie vorbei. Wo bist du? Du weißt doch, dass ich auf dich warte. Ist dir das egal? Das Wutmonster ist weg, es hat mir noch einmal zugenickt und ist dann die Straße hoch, so wie Sara vor­ hin. Jetzt bin ich absolut allein. Ich sollte hinaufgehen, der verdammte Winter ist mir schon unter die Haut und bis in die Gedärme gekrochen. Mein Bauch fühlt sich an, als wäre er ein Klumpen Eis. Meine Finger spüre ich trotz der Handschuhe gar nicht mehr. Wieder blicke ich nach oben. Hinter der gehäkelten Gardine steht Mama und sieht zu mir herunter. Mit einem Lächeln, das traurig und gleichzeitig tapfer aus­ sieht. Trotzig drehe ich mich weg. Bestimmt kommt sie gleich und befiehlt mir, hineinzugehen. Was ist, wenn du inzwischen angerufen und abgesagt hast? Hinter meinen Augen brennen Tränen, tieftraurig lasse ich den Kopf hängen. Ich will doch gar nicht viel, du musst mir nichts schenken oder großartige Dinge mit mir unternehmen. Wir können gern zu Oma gehen, die gemein zu mir ist, oder in die verrauchte Kneipe. Ich will doch einfach nur mit dir zusammen sein, will beobachten, wie lässig du dich bewegst, wie geschäftsmäßig du telefonierst, wie die schönen Frauen mit dir flirten. Es gefällt mir, wie du morgens den Aktienteil der Zeitung liest und nachmittags am Fußballplatz schreist. Ich finde es klasse, dass du niemals kochst, sondern immer auswärts isst, so dass du alle Kellner mit Vornamen kennst. Du erzählst von Reisen in die weite Welt, von fremden Ländern, von deinen Abenteuern. Nun ist mir schon so kalt, dass ich mich nicht mehr bewegen kann. Ich habe Angst, steifgefroren wie ich bin, voll aufs Gesicht zu knallen, wenn ich mich jetzt von der Mauer abstoße. Vielleicht bleibe ich einfach hier sitzen, bis ich tot bin. Vielleicht tut es dir dann leid, dass du mich so im Stich gelassen hast. Doch dann wird es zu spät sein. Der Gedanke an meinen eigenen Tod lässt mich erschaudern. Da legt sich plötzlich etwas Warmes, Tröstliches um meine Schultern. Überrascht sehe ich auf die Daunen­ decke. Ich habe weder die Tür noch Schritte gehört. »Hier.« Mama drückt mir eine Thermosflasche in die Hand, dann macht sie kehrt und geht zurück ins Haus. Genussvoll ziehe ich die dicke Decke enger um mich und drehe mit steifen Fingern die Flasche auf. Dann nehme ich einen ersten großen Schluck. Wie flüssige Liebe rinnt die heiße Milch mit Honig durch meinen Körper, sickert in jede Zelle und taut die Eisscholle in meinem Inneren auf. Urplötzlich fließt ihr Schmelz­wasser warm und unaufhörlich aus meinen Augen her­ aus über mein Gesicht. Ich sitze so lange da, bis die Milch ausgetrunken, das Eis vollständig geschmolzen und die letzte Träne versiegt ist. Dann rutsche ich von der Mauer und trage Decke und Thermosflasche nach oben. Mein Platz neben Mama vor dem Fernseher ist leer und sie klopft mit fla­cher Hand auf die Couch und lädt mich zu sich ein. Also setze ich mich neben sie, ziehe die kalten Füße hoch und lehne meinen Kopf an ihre Schulter. »Nächste Woche kommt er bestimmt«, murmle ich und die Augen fallen mir schon zu. Alles, was ich noch wahrnehme, ist eine rhythmische Bewegung ihres Körpers. Ob es ein Nicken oder das Gegenteil ist, will ich gar nicht wissen.

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