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  • Johanna Moertl

Kurzgeschichte "Zukunftsaussichten"


„Jetzt steh endlich auf!“ Mit einem Ruck reißt Ella mir die Decke weg.

„Lass mich“, presse ich hervor, drehe mich zur Wand und ziehe mir das Kissen über den Kopf.

„Na komm, Lisa, es ist schon nach sechs. Wenn wir nicht bald losgehen, sind die Massen oben. Los, auf geht’s!“

Ich knurre, stehe aber auf. Meine ältere Schwester knüllt die Decke zusammen und wirft sie hinter mich auf das Bett.

„Du ziehst dich an, während ich uns die Jause einpacke“, befiehlt sie streng, schenkt mir aber ein Lächeln.

Nach dem Zähneputzen ziehe ich Funktionskleidung und dicke Socken an, dann folge ich ihr in die Küche. Am Tisch stehen unsere Rucksäcke. Ella bestückt sie mit Wasser-flaschen, Äpfeln und Brotdosen, schließt sie und hebt mir einen davon auf den Rücken.

„Warte, ich muss noch aufs Klo.“ Rasch schäle ich mich wieder aus den Gurten und laufe ins Bad.

Als ich zurückkomme, steht sie mit genervtem Gesichtsausdruck immer noch an derselben Stelle, sagt aber nichts. Wieder reicht sie mir den Rucksack, wirft sich den anderen auf den Rücken und dann marschieren wir los. Um das Haus herum, den schmalen Weg entlang, über die Brücke, an zwei Bauernhöfen vorbei, durch das Gatter der großen Weide und dann hinauf in den Wald.

Unten im Tal hätten wir nun beobachten können, wie es allmählich heller wird, doch die Nadelbäume stehen dicht an dicht und so bewegen wir uns immer noch im Dunkeln. Nur hie und da blitzt zwischen den Stämmen das fahle Morgenlicht hindurch.

Ella lächelt mir aufmunternd zu. „Schön, nicht? Ganz wie früher.“ Ich nicke, denn meine Kehle ist zu eng für eine Antwort.

Jede Lichtung, jede Abzweigung kennen wir blind, es ist, als fänden die Beine allein den Weg. Wie lange war ich schon nicht mehr hier? Auf unserem Heimatberg?

Während sie mit großen Schritten einen Bachlauf überquert, sagt Ella, ohne mich dabei anzusehen: „So, ich hab lange genug gewartet. Jetzt spuck’s endlich aus. Warum bist du so plötzlich heimgekommen, nachdem du es schon wieder monatelang nicht geschafft hast? Gibt es Probleme in der Liebe?“

„Nein.“ Liebe habe ich seit vier Jahren nicht mehr gesehen, höchstens Spaß, manche würden es Sex nennen. Und Spaß ist da auch gar nicht immer dabei.

„Hallo. Grüß euch.“ Ein Pärchen mit Schäferhund überholt uns von rechts.

„Servus“, grüßt Ella. Ich nicke ihnen nur zu.

Als wir wieder allein sind, hält sie mich am Arm zurück und ich fühle, jetzt muss es heraus. „Ich … ich hab das Engagement nicht gekriegt“, murmele ich und schlucke.

Mit großen Augen starrt Ella mich an. „Die Fernsehserie? Laufen die Dreharbeiten nicht schon ein halbes Jahr?“

„Ja, schon, aber ohne mich.“ Um ihren Blick nicht mehr ertragen zu müssen, setze ich mich wieder in Bewegung. „Ich kann mir die Wohnung nicht mehr leisten. Will Papa bitten, mir …“

„Und uns hast du so lange glauben lassen, dass alles in bester Ordnung ist?“, unterbricht sie mich schrill.

Ihr Pferdeschwanz, genauso blond wie meiner, nur kürzer, wippt energisch, als sie zu mir aufschließt und wieder an meiner Seite erscheint. Statt eine fadenscheinige Entschuldigung vorzubringen, schweige ich lieber.

Der Weg verläuft nun immer steiler. Schnaufend versuche ich, mit ihr Schritt zu halten, wie schon mein ganzes Leben lang, versuche, meinen eigenen Rhythmus zu finden. Doch es will mir nicht gelingen. Und das nicht nur beim Wandern. Es sind nicht allein vier Jahre, die uns trennen, es sind Welten. Und aktuell besteht ihre Welt aus zwei abgeschlossenen Studien, einem Verlobten und dem ungebrochenen Stolz unserer Eltern. Und meine Welt … aus nichts von alledem.

„Na, dann such dir eben ein anderes Engagement“, sagt sie nun wieder mit sanfter Stimme. „Wofür haben dir Mama und Papa vier Jahre Reinhardt Seminar und ein Leben in Wien finanziert? Du hast sie doch damals davon überzeugt, dass du damit gute Berufsaussichten hast. Dann nutze sie.“

Ich vermute, es soll motivierend klingen, doch die unausgesprochene Häme jagt mir einen Pfeil ins Herz.

„Das ist nicht so leicht“, flüstere ich. Vor allem dann nicht, wenn sie dir ständig vorhalten, dass bei den Liebesszenen kein authentisches Gefühl transportiert wird. Da könnt ma uns auch a Schaufensterpuppn hinstellen, Frau Hölzl. Also bitte, noch ein Versuch!

Ellas Ton wird noch milder. „Bis du was gefunden hast, kannst du jederzeit im Betrieb mitarbeiten. Da ich mir jetzt mit Papa die Geschäftsführung teile, kannst du gern die Marketingagenden übernehmen. Ich arbeite dich schon ein, keine Sorge, dafür brauchst du kein BWL.“

Ich schlucke die aufsteigende Galle hinunter, der schale Geschmack wird ohnehin von meiner bitteren Verzweiflung übertüncht.

„Aber wie soll ich dann jemals ans Theater kommen, wenn ich hier herumhocke und nicht zu Castings gehen kann? Und wenn ich jetzt wieder im Betrieb arbeite, hätte ich ja gleich hierbleiben können. Dann wäre ich doch nie von ihm … also von hier weggegangen.“ Die Traurigkeit legt sich schwer auf meine Schultern, als hätte jemand in den Rucksack Steine gepackt. Tränen steigen mir in die Augen, ich drehe mich weg.

Seufzend antwortet sie: „Ich weiß doch.“

Nix weiß sie. Nix. Das, was sie mit Gerald hat, ist eine angenehme Zweckgemeinschaft, ein gegenseitiges Auf-die-Schulter-Klopfen, ein Deal für die Zukunft. Doch wir – Lisa und Matteo, Matteo und Lisa … Das ist ein Herzschlag, ein Gedanke, ein Atemzug. Das war es jedenfalls.

Wieder ganz zurückkommen? In unser Dorf? Als die verlorene Tochter, die Verliererin, das schwarze Schaf? Und das Schlimmste daran: Matteo ständig vor Augen, in dem furchtbaren Wissen, ihm das Herz gebrochen zu haben? Nicht nur einmal in der Mitte, sondern in Tausend kleine Splitter. Weil ich einem Traum hinterhergejagt bin, der sich hier in der Enge unseres Dorfes, in der Enge unseres Lebens niemals erfüllen könnte. Nein. Für mich gibt es keinen Weg zurück.

Die Verzweiflung schenkt mir Kraft. Immer schneller erobere ich den Berg, sogar Ella atmet jetzt schwer neben mir. Die durch die Höhe kühler werdende Luft trocknet meine feuchten Augen. Ich bin kurz davor, das Pärchen mit dem Hund zu überholen, und weiter oben erkenne ich noch eine andere Gruppe Wanderer. Ella hatte natürlich recht, an einem Feiertag wie heute wird das Gipfelkreuz bald belagert sein. Die Aussicht von da oben bei Sonnenaufgang ist einfach unbeschreiblich. Nur noch ein paar Meter bis zum Gipfel. Wir können nicht mehr nebeneinander gehen, der Kamm ist hier besonders schmal, doch ich kenne ihn gut.

„Gib acht!“, ruft Ella hinter mir, wie sie es tut, seit ich denken kann. Warum bevormundet sie mich ständig?

Langsam schiebt sich das Sonnenlicht über den gegenüberliegenden Berg. Zwischen uns liegt weit ausgebreitet ein grünes Meer aus Wäldern, stellenweise zart überdeckt von ein paar watteweißen Wolken. Darüber nun in blaues Licht getauchte steile Spitzen, Gipfel über Gipfel, so weit das Auge reicht.

Ergriffen bleibe ich stehen, die Hand auf meine Brust gepresst. Was für eine Aussicht! Wie konnte ich nur freiwillig so lange darauf verzichten? Ich will noch die paar Schritte höher hinauf bis zum Kreuz, doch dort steht schon ein ordentliches Grüppchen von Menschen. Ich zögere und will mich nach Ella umdrehen. Da erklingt ein vertrautes Lachen und ich erstarre mitten in der Bewegung. Suchend lasse ich die Augen schweifen.

Der breite Rücken links neben dem Kreuz kommt mir nur allzu bekannt vor. Das dunkle Haar mit den kurzen Locken, die dazu einladen, meine Hände darin zu vergraben, noch viel mehr. Für einen Moment vergesse ich zu atmen.

Warum gerade jetzt? Heute? Hier? Ich bin so was von nicht bereit dazu. Er muss meinen Blick spüren – hat er so oft – denn er wendet sich um. Als er mich erkennt, beginnen seine immer schon feurigen Augen zu glühen.

„Lisa“, formen seine Lippen lautlos. Ein helles Leuchten überzieht sein Gesicht. Oder sind es die Strahlen der aufgehenden Sonne, die sich darüberlegen?

Nein. Sein Lächeln strahlt heller, als es die Sonne jemals könnte. Und mit einem Mal erinnere ich mich wieder, wie das mit der Liebe geht. Urplötzlich wird mir bewusst, was den Liebesszenen bei jedem Dreh so dringend gefehlt hat: Die heißen, errötenden Wangen, die Schauer, die über den Rücken laufen, das wilde Herz, bereit zu fliegen, im Bauch ein einziger Ameisenhaufen.

Matteo! Mein Matteo! Ich kann es nicht glauben, habe es vier Jahre nicht für möglich gehalten. Aber er ist immer noch mein.

Scheiß auf die Schauspielerei! Scheiß auf Wien! Auf irgendwelche Jung-Mädchen-Träume! Hier ist mein Leben! Hier ist es immer gewesen. Hier soll es sein.

In seinen Augen schimmert die Liebe, und es spiegelt sich meine Zukunft darin. Ich sehe unser glückliches Heim, lachende Kinder, Geborgenheit in allen Ecken.

Wie hypnotisiert, unsere Blicke immer noch aneinander festgesaugt, mache ich einen Schritt auf ihn zu und er streckt aus der Ferne die Hand nach mir aus. Ich weiß genau, wie es sich anfühlen wird, in seinen Armen zu liegen. Das ist das wahre Heimkommen für mich. Fast schon kann ich seine zärtlichen Küsse auf meinen Lippen spüren.

Gequält jault der Schäferhund auf und ich springe erschrocken zurück. Gerade noch sein Bein unter meinem groben Schuh, trete ich auf einen losen Stein und verliere den Halt. Ich rudere mit den Armen, doch umsonst.

„Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!“

Das Heim in Trümmern, das Kinderlachen verstummt, die Geborgenheit aus den Ecken gekehrt.

Ich stürze, ich falle, ich schlage auf. Und dann. Nichts.


Eben noch hatte ich die allerschönste Aussicht. Jetzt hat die Aussicht mich.



ENDE

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