Suche
  • Johanna Moertl

Leseprobe

Prolog



„Mama! Mama! Mama!“

Wieso kommst du nie, wenn ich dich rufe? Wo steckst du denn?

„Mamaaaaaa! Ich will dir was ZEIGEN!“

Keine Antwort.

Leise, aufmerksam lauschend verlasse ich mein Kinderzimmer und gehe die Treppe hinunter. In der Küche hantierst du nicht, du arbeitest auch nicht in deinem Büro. Vor deinem Schreibtisch bleibe ich unentschlossen stehen. Soll ich im Keller oder in der Waschküche nachsehen?

Da ertönt Kleinkindgeschrei von draußen. O nein! Schnell wende ich mich zum Fenster um und spähe nach draußen. Alejo ist hingefallen. Strampelnd liegt er im Staub der Schotterstraße. Armer Alejo.

Doch da bist ja auch du. Erleichtert atme ich den Schreck aus. Du nimmst seine Hand und hilfst ihm hoch. Dein Bauch ist so dick, dass du dich kaum mehr bücken kannst. Schniefend hängt er sich an deinen Rock und du wendest dich wieder Papa zu, der mit einer Reisetasche vor dir steht. Ach, wie ich wünschte, er würde mich zu dem Reitturnier mitnehmen. Was würde ich dafür geben, einmal dabei sein zu dürfen, wenn er und Maestro die Siegerschleife überreicht bekommen. Platzen würde ich vor Stolz.

Auch jetzt platze ich beinahe, allerdings vor Neugier. Was besprecht ihr da draußen so Wichtiges? Du hast doch nicht einmal mein lautes Rufen gehört. Dein Gesicht kann ich nicht erkennen, du stehst mit dem Rücken zu mir, doch deine Gesten sind zornig, abgehackt, genauso, wie du dich aufregst, wenn Alejandro mit Pferdemist unter den Schuhen durchs Haus läuft.

Du zeigst auf die Koppel, auf Alejandro, das Haus. Kurz zucke ich zusammen. War ich damit gemeint? Was hab ich diesmal falsch gemacht? Ich will das Fenster öffnen, um zu hören, was du sagst, doch noch ehe ich den Knauf berührt habe, wirft Papa die lederne Tasche in den Staub und stapft in Richtung Stall davon. Eilig läuft ihm der kleine Alejo mit seinen Stummelbeinchen hinterher. Meine Hand schnellt von dem Knauf zurück, als hätte sie sich verbrannt.

Du siehst ihnen nach, hebst dann beschwerlich die Reisetasche auf und trottest mit hängenden Schultern zum Haus. Hektisch ducke ich mich und krabble unter die alte Chaiselongue. Du kannst es nicht leiden, wenn wir Kinder allein in deinem Büro sind.

Wie gemein du immer bist. Hast du Papa verboten, zu dem Regionalturnier zu fahren? Gönnst du ihm selbst das nicht mehr? So wie mir nicht den Ballettkurs in Ronda, zu dem alle aus der ersten Klasse gehen? Auch den schönen Hengst, den er gekauft hat, musste er wieder zurückgeben. Immer willst nur du die Bestimmerin sein. Nie dürfen wir was.

Es dauert nicht lange, da höre ich zu meinem Schreck Schritte und du schlurfst in den Raum, fast so schwerfällig wie die alte Umbria, die letztes Jahr vom Tierarzt eingeschläfert werden musste. Wie sie mich angesehen hat, ihren letzten Blick, als ich mich von ihr verabschiedet habe, den werde ich nie und nimmer vergessen. Der schnürt mir noch jetzt die Kehle zu.

Ohne mich zu bemerken, setzt du dich an den Schreibtisch, legst die Arme darauf und auf sie deinen Kopf. Leise und langsam, wie in Zeitlupe. Die Bewegung erinnert mich daran, wie Papa Maestro die tiefe Verneigung ausführen lässt. Doch der richtet sich nach wenigen Augenblicken wieder auf. Du nicht. Aber ich kenne das schon, seit der Schwangerschaft bist du einfach immer müde. Und wenn du müde bist, bist du schlecht gelaunt. Zu schlecht gelaunt zum Spielen, zu schlecht gelaunt, um mit mir ins Dorf zu fahren, zu schlecht gelaunt, um mich beim Kochen helfen zu lassen. Du machst das lieber allein, sagst du. Dann werde ich dich eben nicht mehr danach fragen.

Wie lange liegst du schon da? Bist du etwa eingeschlafen? In der Stille fühlt es sich so eng an, als würde der Raum immer kleiner. Ich will hier raus. Doch plötzlich zitterst du, ziehst mehrmals die Nase hoch, die Schultern beben. Weinst du? Immer lauter wird das Schluchzen. Es ist eher ein Heulen, langgezogen, voller Schmerz. Es klingt wie der Wind, wenn er nachts um unser Haus pfeift.

Ich bin wie erstarrt und wage kaum, zu atmen. Nie habe ich dich weinen sehen, nie unglücklich erlebt. Müde ja, erschöpft, auch genervt von meinen Fragen und Alejandros Tollpatschigkeit. Aber so?

Es macht mir Angst, denn etwas Schreckliches muss geschehen sein. Eine Mama weint doch nicht, nicht so. Eine Mama tröstet. Was, wenn du unglücklich bist und uns nicht mehr haben willst? Oder was, wenn ihr euch scheiden lasst und Papa uns verlässt, wie der Vater von Fabio und Alicia, der sich einfach aus dem Staub gemacht hat?

Heiß strömt die Angst in meinen Magen, in meinen Augen sammeln sich Tränen. Ich muss was tun. Soll ich dich trösten? Obwohl ich gar nicht hier sein sollte? Mich von dir beruhigen lassen, dass gar nichts ist? Soll ich dich fragen, warum du weinst? Kann ich dir denn helfen? Ich muss es jedenfalls versuchen.

Lautlos rutsche ich hervor, langsam schiebe ich mich auf die Knie. Deine Haare liegen strähnig auf dem Tisch, wegen Alejos Ungeduld hast du heute Morgen wieder auf die Dusche verzichtet. Du tust mir leid. Er kann auch wirklich nervig sein. Wahrscheinlich sollte ich öfter mit ihm spielen.

Doch vielleicht ist heute Abend schon wieder alles gut, dann lachen wir zusammen über die Cartoons im Fernsehen und ich darf die Tritte des Babys spüren. Das ist immer schön. Am liebsten würde ich schon jetzt die Hand auf deinen Bauch legen. Stattdessen stehe ich nur da und weiß nicht einmal, ob ich deine Schulter berühren darf.

„Mama? Kann ich dir helfen?“

Mit einem Aufschrei schreckst du noch mitten in meiner Frage hoch, deine rotgeränderten Augen starren mich an. Wie die Augen einer Hexe sehen sie aus. Kalt läuft es mir den Rücken hinunter. Deine Nasenflügel beben, ebenso das Kinn.

„Raus mit dir! Verschwinde! LASS! MICH! IN! RUHE!“

Dein Brüllen ist so laut, wie von einer Sturmböe erfasst taumele ich ein paar Schritte zurück. Plötzlich rinnt es heiß und nass meine Hosenbeine entlang. Die Tränen hingegen lösen sich in Luft auf. Vor Scham wird mir schwarz vor Augen.

Weg. Nur weg. Weg von dir.

So schnell ich kann, laufe ich in mein Zimmer zurück und setze mich atemlos, den Rücken an die geschlossene Tür gelehnt, auf den Boden. Mein kleines Herz rast und meine Augen brennen. Der Schreck wühlt in meinem Magen. Er tut richtig weh. Ich wollte dir doch nur helfen und du schickst mich weg. Du verdienst es nicht, dass man dir hilft. Dir kann man es nicht recht machen. Zumindest ich, ich kann es nicht. Nun rinnen doch die Tränen.

Die Hose ist klamm und riecht eklig. Ich schäme mich so sehr, dass ich zittere. Da schlägt das geöffnete Fenster lautstark zu und wieder auf. Erschrocken kreische ich auf. Dann stehe ich zögerlich auf und trete ans Fenster. Gibt es wieder ein Gewitter heute? Das kommt hier zwischen den Bergen oft sehr plötzlich.

Tatsächlich, dahinten ist der Himmel dunkelgrau, bedrohlich, kein einziger Vogellaut ist mehr zu hören. Das ist die Ruhe vor dem Sturm, sagt Papa immer. Doch heute macht sie mir keine Angst. Im Gegenteil. Heute gibt sie mir seltsame Kraft. Weit lehne ich mich hinaus. Der Wind zerzaust mein Haar und trocknet ungefragt die Tränen. Doch der Schmerz, der sie hinausgetrieben hat, ist immer noch da.

Nie wieder biete ich dir meine Hilfe an. Nie wieder sollst du wissen, wie sehr du mich verletzt. Ganz sicher darfst du nicht sehen, was für einen großartigen Pferdestall ich gebaut habe. Denn dir, DIR werde ich überhaupt nie wieder etwas von mir zeigen.

Plötzlich fährt ein greller Blitz zur Erde, und als der Donner zwischen den spitzen Bergen die Stille zerreißt, brülle ich aus vollem Hals: „NIE. MEHR. WIEDER.“



1 Ansicht0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Leseprobe

Leseprobe