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  • Johanna Moertl

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Als mein Dienst endet, widerstehe ich dem Drang, gleich nach Hause zu fahren und ins Bett zu fallen. Das ist doch kein Leben! Arbeiten, schlafen, arbeiten, und das mit zweiundzwanzig. In meinem Alter sollte man studieren und wilde Partys feiern, sagt zumindest mein Vater. Ich gehe also in die entgegengesetzte Richtung und betrete die Bar, die neben unserer Klinik liegt. Ich setze mich in eine dunkle Ecke und bestelle einen Aperol Spritz.

In der Mitte des Raumes geben ein paar Oberärzte der Chirurgie vor, mit ihren Assistenzärzten schlaue Gespräche zu führen. In Wahrheit wollen sie sich nur gezielt besaufen. Alle Chirurgen sind tot, innerlich tot. Nie im Leben würde ich mit einem von ihnen etwas anfangen. Denn wenn sie noch nicht tot sind, dann werden sie es bald sein. Ein Chirurg lernt vom ersten Tag seiner Karriere an, all seine Gefühle und Bedürfnisse zu unterdrücken. Er muss funktionieren, obwohl er müde ist. Er darf nicht zur Toilette, auch wenn er muss. Stundenlang steht er in der gleichen unbequemen Haltung, bis die Operation beendet ist. Und wehe, wenn einer eine Schwäche zeigt, dann wird er von den älteren Kollegen aufs Schärfste zurechtgewiesen. Denn die einzige Regung, die einem Chirurgen gestattet ist, ist Wut gepaart mit Gebrüll und Worten der Erniedrigung. Die Chefärzte, bei uns in Wien Primare genannt, treten die Oberärzte, die Oberärzte die Assistenzärzte, die Assistenzärzte die Turnusärzte.Und alle uns Krankenschwestern, wenn ihnen etwas nicht passt. Ich habe noch keinen einzigen Chirurgen weinen sehen. Nach dem Tod meiner Mutter keine einzige Träne. Auch mein Vater ist innerlich ein toter Mann. Meine Haarwurzeln schmerzen. Ich löse den straffen Dutt und schenke meinen langen, kastanienbraunen Locken die Freiheit. Ein junger Chirurg, der gerade mal ein paar Monate an unserer Klinik ist, sieht immer wieder zu mir herüber. Ich weiß, dass ich schön bin. Ich habe es oft genug gehört, um es zu glauben. Ich sehe es jeden Tag an der Art, wie die Menschen, denen ich begegne, mich ansehen. Wie sich ihre Augen fast wie vor Überraschung weiten. Beinahe so, als würden sie das Objektiv neu einrichten, um den Gesamteindruck besser einfangen zu können. Ich weiß auch, dass ich zu ernst und verschlossen bin. Auch das habe ich zu oft gehört. Aus all diesen Gründen bin ich ganz froh, zumindest im OP eine Maske tragen zu können.

Der junge Arzt steht auf und kommt in meine Richtung.

Die anderen grölen hinterher: „Bei der brauchst du es gar nicht versuchen. Da hat’s noch keiner geschafft. Die nimmt keine Ärzte!“

Wie recht sie haben. Wie sehr mich dieses Klischee anwidert, der Arzt und die Krankenschwester, egal was, der Sex, die Affäre, die große Liebe. Dieses ekelhafte, stets immanent patriarchale Gefüge. Der Mann gebildet, erfolgreich, der Chef. Die Frau dienend, bescheiden und demütig. Da schüttelt es mich. Es gab noch nie eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen einem Arzt und einer Krankenschwester! Nicht in diesem Universum! Ich brauche noch einen Drink.

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