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  • Johanna Moertl

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Am nächsten Abend rast mein Herz trotzdem, als würde es verfolgt, während ich vor seiner Tür stehe und anklopfe. Max öffnet und gibt mir einen sanften Kuss zur Begrüßung. Diesmal sitze ich nicht im Auto, sondern stehe vor ihm und merke deshalb in aller Deutlichkeit, dass meine Knie weich wie Butter und die Beine zittrig werden. Wie lange habe ich mich nicht mehr so gefühlt? So lange, dass ich schon dachte, ich würde diese Dinge gar nicht brauchen. Wie gut, dass er mich an der Hand nimmt und ich mich an ihm festhalten kann. Er führt mich durch das kleine Haus, das mit den bunten Flickenteppichen und den alten Holzmöbeln ungekünstelt und gemütlich aussieht. Ein wenig ähnelt es sogar dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, und ich fühle mich sofort wohl. Von der gepflasterten Terrasse aus habe ich einen schönen Blick über den lang gestreckten Garten, der zu größten Teilen aus Gemüse- und Obstpflanzen besteht. Den Rest bedecken Blumen, wilde und gezüchtete. In der Mitte steht ein alter knorriger Kirschbaum auf einem Stückchen Wiese. „Die Liebe zum Gärtnern habe ich von meiner Oma“, erklärt Max. „Sie war Zeit ihres Lebens Selbstversorgerin, was Obst und Gemüse angeht, und dank ihr bin ich das jetzt auch.“ Er vollführt eine ausladende Geste, fährt dann mit der Hand durch einen großen Busch Rosmarin und lässt mich an ihr riechen. Tief atme ich den Duft ein und muss lächeln, denn genauso habe ich es als Kind immer gemacht, wenn ich mich mit einem Buch in den Kräuter- garten meiner Mutter zurückgezogen habe. Dann bricht er eine altrosafarbene Rose ab und schenkt sie mir. Lange betrachte ich sie, während Max das Essen aus der Küche holt. Ich mag Rosen, stelle oft eine schmale Vase mit einer einzelnen dieser perfekten Schönheiten neben mich, wenn ich arbeite. Aber soeben muss ich beschämt feststellen, dass sie hierher, in Max’ liebevoll gepflegten Garten, doch wesentlich besser passt. Und das umso mehr, solange sie noch lebendig war. Wir setzen uns einander gegenüber an den Gartentisch und essen, doch ich kann den Geschmack des leckeren Grillgemüses und der Tomaten-Focaccia kaum genießen. Viel zu sehr bin ich damit beschäftigt, auf seinen perfekten Mund zu starren, wenn er spricht. Und hungrig bin ich sowieso nicht, ist mein Bauch doch schon randvoll mit aufgeregt flatternden Faltern. Wieder reden wir die ganze Nacht über alles und nichts, über Urlaube und Traumziele, Jugendsünden und Wünsche, seine Begeisterung für Sport und die Natur und meine Leidenschaft, das Lesen. Zum Glück kein einziges Mal über Musik. Kaum über Freunde und Ex-Partner. Gar nicht über uns und was daraus werden soll. Gegen drei Uhr früh fallen mir beinahe die Augen zu und wir legen uns auf sein gemütliches Bett, mein Kopf auf seiner Brust, so selbstverständlich, als hätten wir es schon hundertmal gemacht.

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